Hält eine zeitgenössische Festivität dem Vergleich zur Mutter aller Feierlichkeiten, dem Ball, stand? Auf den ersten Blick kaum, scheint das ehemals strenge Protokoll, die Etikette geschmiedet aus dem unzerbrechlichen Metallen gesellschaftlicher Fuß- und Handfesseln, einem tobenden Durcheinander aus alkoholbefüllten Leibern gewichen zu sein.
Die Prinzipien, die beiden Veranstaltungen zugrunde liegen, ähneln sich bei eingehenderer Betrachtung jedoch mehr als zunächst einmal angenommen. Die treibenden Kräfte hinter dem unbestimmten Ruf, der einen in den barocken Saal oder in den hippen Club lockt, sind von jeher ein und dieselben. Es sind der Prinzipien drei.
Erstens, und vielleicht nur vordergründig, das Amusement als Ausformung der Alltagsflucht. Zweitens der Drang zur Präsentation; Kostüme gibt es nach wie vor. Drittens der Wunsch nach erneuerter sozialer Intimität, auf deren Gipfel die Suche nach dem Partner weilt.
Doch genug der Vorrede, begeben wir uns in eine jener Hallen der Ezesse, die etwas urtürmliches zurückgewonnen zu haben scheinen. Gleichen sie doch mehr den düsteren Höhlen einer grauen Vorzeit, denn den von tausenderlei Kerzen erhellten Sälen romantisierter Pariser Vorstellungen. Wir schauen hinab auf die ehemaligen Arbeitsstätten einer heute stillgelegten Fabrik. Obwohl stillgelegt an einem Freitagabend, wie dem heutigen, ein etwas irreführender Audruck sein mag. Wo früher die müden Leiber der Fließbandarbeiter, als seien sie ein Teil der ganzen seelenlosen Monstrosität, dem monotonen Stampfen der Maschinen folgten, zucken heute elektrisierte Körper junger Menschen zum monotonen Stampfen der Musik.
Über dieser wogenden Masse, deren Bewegungen einer gelartigen Flüssigkeit auf die unentwegt ein Vorschlaghammer eindrischt ähneln, thront der Kapellmeister. Den imaginären Hammer schwingend, den Ton angebend, hält der DJ alle Zügel in der Hand. Lässt sie sich von der Decke herunter, unsichtbaren Marionettenfäden gleich, entspinnen. Verknotet sie mit Armen, Beinen und dirigiert den ewigen Tanz. Ein Tanz der ihn schlussendlich auch selbst sich einverleibt, ihn zu immer neuen Höchstleistungen motivierend.
Des Wankelmuts der Massen ist sich ein erfahrender Dirigent stets aufs Neue ganz genau bewusst. Droht er die Menge zu verlieren, an Thekenstühle und an kühles Bier, dann heisst es Tonartwechsel. Doch auch dem virtuosesten aller Plattenjongleure gehen mal zwei Schäfchen verloren. Zwei, die sich kurz darauf einander gegenüberstehend wiederfinden. Die Hand ums Bier gekrallt, als könne man sich an jenem forthangeln, sollte die Konversation denn nicht entlang der eigenen Erwartungen verlaufen. Man brüllt sich gegenseitig an, nichtmal die Hälfte des Gesagten überhaupt verstehend. Ein gar faszinierendes Schauspiel für den Außenstehenden, wie zwei sich mißverstehende Wesen kurz darauf einander in den Armen liegen, den Mund des Gegenübers mit Küssen zu bedecken. Man schaut einander an, das Bier gegen ein Paar warme Hände eingetauscht, um möglichst schnell den im Stroboskoplicht auflitzenden Leibern zu entrinnen. In stillem Einverständnis dem eigentlichen Höhepunkt der Nacht entgegen.















